Muldentalkliniken: Gut 200 Besucher bei Podiumsdiskussion in Grimma

0
4192

Grimma. Zum Thema:“Krankenhaus Grimma, bald selbst ein Patient?“ fand am Dienstagabend in Grimma eine Podiumsdiskussion statt.

Gut 200 Personen wohnten der Veranstaltung, welche durch den Grimmaer Oberbürgermeister Matthias Berger initiiert wurde, bei. Auf dem Podium nahmen neben Berger, Landrat Henry Graichen, Amtsgerichtsdirektorin Katja Kohlschmid als Moderatorin, Aufsichtsrat der Muldentalkliniken Josef Eisenmann, die freiberuflich tätige Hebamme Mandy Wendrich, sowie der ehemalige Bürgermeister der Stadt Colditz, Matthias Schmiedel, platz.

Nach kurzer Einführung durch Katja Kohlschmid, welche die Veranstaltung moderierte, berichteten die Teilnehmer über ihre Ansichten und versuchten auch mit Vorurteilen bzw. aus ihrer Sicht falschen Darstellungen in der Presse aufzuräumen, danach konnten Besucher ihre Fragen an das Podium stellen. Vorangegangen waren Entscheidungen des Aufsichtsrates entgegen einer Umstrukturierungempfehlung aus einem Gutachten in beiden Häusern in Grimma und Wurzen. Zudem wurde Geschäftsführer Mike Schuffenhauer nach einer Podiumsdiskussion in Wurzen von seinen Aufgaben entbunden. Streitpunkt war auch an diesem Abend die Geburtshilfe und Pädiatrie der Muldentalkliniken.

Zur Erinnerung: Beide Standorte besitzen eine Geburtshilfe und Wurzen zusätzlich eine Pädiatrie (Kinderklinik). Laut Gutachten sollte Geburtshilfe und Pädiatrie in Grimma gebündelt werden, da der Investitionsbedarf in Grimma geringer wäre. Um beide Standorte zu erhalten, empfiehlt das Gutachten die Spezialisierung der beiden Standorte auf bestimmte Bereiche. Der Aufsichtsrat entschloss sich mit knapper Mehrheit gegen die Empfehlung, die Geburtshilfe und Pädiatrie in Grimma zu bündeln.

Berger wies auf die bereits stattgefundene Verlegung der Traumatologie von Grimma nach Wurzen. „Wir haben damals kein Fass aufgemacht und uns auf die Empfehlungen von Fachleuten verlassen„. Er verstehe die „Polemik“ und das „politische Wunschdenken“ aus der Diskussion um die Geburtshilfe und Pädiatrie nicht, da die Fakten durch das Gutachten auf der Hand liegen würden. Er sei klar für den Erhalt von beiden Standorten, wünscht sich aber einen sachlichen und realistischen Dialog und daraus resultierende Entscheidungen. Aus seiner Sicht könnten beide Standorte in der Zukunft durch solche politischen Entscheidungen, wie sie stattgefunden hätten, großen Schaden nehmen.

Graichen entgegnete dem, man habe sich in den meisten Entscheidungen an das Gutachten gehalten, man sei lediglich bei dem Thema davon abgewichen. Es gab zudem auch laut Graichen verschiedene Empfehlungen aus dem Gutachten. Zudem müsse man bei der Standortentscheidung nicht nur Grimma und Wurzen einbeziehen. Leisnig und Oschatz hätten ihre entsprechenden Stationen geschlossen, zudem gebe es Vereinbarungen zwischen Wurzen und Eilenburg.

Matthias Schmiedel, ehemaliges Mitglied des Aufsichtsrats, bemängelte die Art der Kommunikation mit der Öffentlichkeit und vor allem den Mitarbeitern. Veränderungen könne man nur gemeinsam tragen. Er appellierte, wie im weiteren Verlauf des Abends viele Redner und Rednerinnen, daran, dass es nicht um zwei Standorte gehe, sondern um das Gesamtklinikum. Er nahm auch Schuffenhauer in Schutz. Er habe schon 2020  gewarnt, dass etwas passieren müsse, da er sonst als Geschäftsführer irgendwann Insolvenz anmelden müsste. Er war laut Schmiedel der Erste „der es mal wirklich ausdrückt.“ Viele hätten demnach um den heißen Brei geredet. Nur wenn alle mitmachen, hätten die Kliniken an beiden Standorten eine Überlebenschance. Für sein Statement bekam er viel Applaus aus den Reihen der Zuschauer.

Mandy Wendrich, freiberuflich tätige Hebamme in Grimma, informierte die Zuhörer über die gute und individuelle Betreuung der Mütter in Grimma. Insgesamt seien zwölf Hebammen freiberuflich im „Grimmaer Modell“ tätig.

Aufsichtsrat Josef Eisenmann, erinnerte unter Anderem daran, dass, wenn an beiden Standorten bestimmte Bereiche parallel angeboten werden, hier auch doppeltes Personal vorgehalten werden müsse. Auch die Unterhaltskosten würden sich verdoppeln.

Zu Beginn der Fragerunde übernahm Dr. med. Ulrich Piskazeck, Standortübergreifender Chefarzt für Gynäkologie an den Muldentalkliniken das Mikrofon und erinnerte emotional daran, dass für den Erhalt von beiden Standorten in seinem Bereich dringend Fachärzte und Personal benötigt werde. Seine Abteilung laufe am Limit und überschreite regelmäßig die Vorgaben aus dem Arbeitszeitschutzgesetz. Er könne die Entscheidung schon allein durch den Personalbedarf, um beide Standorte so beizubehalten, nicht nachvollziehen.

Es folgten viele Wortmeldungen, vornehmlich aus den Reihen der Beschäftigten bzw. ehemaligen Beschäftigten beider Häuser. Es folgte ein Für und Wider mit dem Fokus auf  Entscheidungen zur Geburtshilfe und Pädiatrie ähnlich wie in Wurzen. Immer wieder wurde auch Kritik am Betriebsrat laut, welcher eigene Interessen voranstellen würde. Heraus kristallisierte sich, dass die meisten Fragen an den Landrat gingen, der sich in vielerlei Hinsicht erklären musste. Graichen ist Aufsichtsratsvorsitzender der Muldentalkliniken. Klare Zahlen zu benennen sei unseriös, entgegnete der Landrat auf Fragen zur Finanzierung. Die Entscheidungen müssten nun in den Krankenhausplan aufgenommen werden. Konkrete Zahlen und daraus resultierende Investitionen, könne man erst dann benennen. Laut Graichen haben die Muldentalkliniken 2022 einen positiven Haushalt aufzuweisen. Aufgrund der gestiegenen Preise sei aktuell für 2023 mit einem Defizit zu rechnen. Sämtliche Entscheidungen des Aufsichtsrates sind laut Graichen durch äußere Einflüsse, wie beispielsweise die Krankenhausreform und Vorgaben durch den Bund, aber nicht in Stein gemeißelt. Nach gut zweieinhalb Stunden sachlichen Meinungsaustausch hatten nun auch die Grimmaer ebenfalls die Möglichkeit, ihre Interessen kundzutun und sich Gehör in der öffentlichen Diskussion zu verschaffen.