Tausende von Kilometern bis nach Döben – „Prinzessin“ Azinat ist seit Jahren erstes Neugeborenes auf Schlosshof

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Grimma/Döben. Als die Flucht der sechsköpfigen Familie Alsalloum im letzten Jahr in Damsakus begann, wusste keiner von ihnen, ob sie die Flucht und die Strapazen schaffen würden. Besonders der Weg über Osteuropa wird von ihnen als besonders gefährlich beschrieben.

Es ist nur schwer zu ermessen, wie der achtjähgrige Omran, der siebenjährige Abdul-Rachman und der fünfjährige Jaman, mit ihrem Vater und ihrer hochschwangeren Mutter Amani Schritt halten mussten, um nicht im Gedränge des Flüchtlingstrecks unterzugehen oder bei Panikausbrüchen – an den mittlerweile immer undurchlässiger werdenden Grenzen – verletzt oder zertreten zu werden.

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Als sie Deutschland erreichten, fand sich die Familie in einer Massenunterkunft wieder. Es gab von den anderen Flüchtlingen keine räumliche Trennung. Sie wussten nicht, ob der auf Tuchfühlung liegende Bettnachbar krank war oder ob er gefährlich werden konnte. All das waren Dinge mit denen sich die Eltern Amani und Suleiman konfrontiert sahen und vor denen sie vor allem ihre Kinder schützen wollten. Im dem ersten riesigen Notaufnahmelager in Augsburg angekommen, blieben sie zum Glück nicht lange.

„Wir wurden nach der Aufnahme und allen möglichen Checks erst nach Bremen gebracht und dann nach Grimma verlegt. Als wir ankamen, war es die Turnhalle in der Karl- Marx- Strasse, in der wir untergebracht wurden. Eine Halle ähnlich wie die in Augsburg nur kleiner,“ sagt Vater Suleiman.

Was dann kam, gleicht rückblickend einem Märchen. Mutter Amanis Augen glänzen vor Glück. „Dann stand plötzlich eine fremde Frau vor uns, wir kannten sie nicht und sie uns nicht. Sie gab uns nur zu verstehen, dass sie uns helfen wolle. Uns den völlig Fremden!“

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Annelie aus Döben wollte den Menschen in ihrer Not einfach mal eben helfen. Amani beschreibt es als ein Geschenk des Himmels.„Unter all‘ den vielen Menschen kam sie auf uns zu. Mir ging es nicht besonders gut, ich war hochschwanger und irgendwie machte mein Körper, was er wollte, aber bestimmt nicht das, was ich gewünscht hätte.“

Vater Suleiman bekommt plötzlich einen traurigen Blick. „Das stimmt! So weit weg von zu Hause, helfen uns plötzlich wildfremde Menschen. Geben uns eine neue Heimat! Aber wo ist die arabische Welt?“ Seine Stimme ist eine Mischung aus Wut und Enttäuschung, sein Blick verrät eine unendliche Traurigkeit. Auf die Frage findet er keine Antwort. Er versteht es nicht, dass Moslems anderen Moslems nicht helfen. Nächstenliebe, Gastfreundschaft, all die Werte, die im Koran wie auch in der Bibel beschrieben sind, zählen in der arabischen Welt plötzlich nichts mehr.

„Es sind Christen, die uns eine Heimat geben, ohne Ansehen meiner Herkunft oder Religion! Die arabische Welt muss sich einfach schämen!“ Amani erzählt, wie Annelie ihnen auf dem Schlosshof ein Übergangsheim geschaffen hat. Mit am Tisch sitzt Dorothea von Below und schmunzelt. „Ich bekam irgendwann einen Anruf von Annelie und die sagte nur, hast du Zeit? Du musst mal eben helfen,“ die Schlossherrin blickt lächelnd aber auch erschaudernd bei der Errinerung an den Augenblick und vor allem an das, was dann kam, zurück.„Man kann ja nicht einfach eine Familie aufnehmen, da gibt es ja noch die Behörden, die Vorschriften, Paragraphen und ganz nebenbei auch noch meine Familie. Wir haben uns überlegt, wie wir das schaffen. Mein Mann sagte nur, du schaffst das schon, er hat ja seine Augenarztpraxis und ist da voll eingebunden. Wenn Zeit war, zu helfen, hat er mitgemacht und mich großartig unterstützt. Die Hauptarbeit mit den Behördengängen und Arztbesuchen haben ohnehin Annelie und Magnus übernommen. Aber es war ja nicht nur all das, was man bedenken muss, wenn man eine Familie aufnimmt, Amani war ja auch hochschwanger. Eine Frau und Mutter weiß ganz genau um die Nöte in einer solchen Situation,“ schmunzelt Dorothea von Below rückblickend.

Eigentlich kam die Familie pünktlich zu Weihnachten, der Jahreszeit, in der vermutlich jeder irgendwie ein wenig kopfsteht. Für Familie von Below eigentlich die Weihnachtsgeschichte 2015. Die Unterschiede zu Jesu Geburt sind so groß nicht, außer dass aus dem Stall eine Gästewohnung wurde. Man sollte eben doch mit der Zeit gehen und die Annehmlichkeiten einer Zentralheizung und fließend Wasser nicht unbedingt ablehnen.Von ihrer Ankunft am 14. Dezember in Döben bis Weihnachten verging die Zeit sehr schnell. Die einen kamen zur Ruhe und die anderen organisierten alles Weitere. Am Heiligabend lud Familie von Below ihre Gäste mit in die Kirche zur Weihnachtsmesse ein. Auch wenn Suleiman und Amani Moslems sind, waren ihnen eine Kirche und die christlichen Feiertage nicht neu.

„In Damaskus war das ganz normal, das Moslems mit ihren christlichen Freunden auch die Feiertage teilen. Viele der christlichen Feiertage sind auch bei den Moslems hohe Festtage,“ sagt Amani mit einem wehmütigen Blick.

Man merkt, dass ihnen allen die Heimat, die Freunde, die Familie, einfach alles fehlt. Am 29. Januar kam dann Töchterchen Azinat auf die Welt. Wie Dorothea von Below betont, das erste Neugeborene seit Jahren in Döben. Sie hat wohl die beste Fluchtgeschichte von allen zu erzählen, wenn sie älter ist. Von Mutti tausende Kilometer durch viele Länder und über viele Grenzen getragen, um dann als erstes Grimmaer Luft zu schnappen.

Das die Gästewohnung auf dem Schlosshof nur eine Lösung auf Zeit ist, ist allen klar. Ziel war es von Anfang an, die werdende Mutter und ihre Familie vor einer weiteren Massenunterkunft zu bewahren. Derzeit suchen sie nach einer größeren Wohnung. Beide lernen in der Schule Deutsch. Vater Suleiman möchte so schnell wie möglich eine Arbeit finden, Er möchte seiner Familie etwas bieten können, nicht anderen auf der Tasche liegen.„Mit der Hilfe Gottes, meiner Familie und der unserer neuen Freunden schaffe ich alles. Was ich arbeite, ist mir egal, aber ich möchte meiner Familie nach der schlimmen Zeit ein schönes Leben schenken. Schließlich bin ich Ehemann und Papa,“ lächelt er. 

Text und Foto: Detlef Rohde

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