„Ein neues Leben“ dank Wohnungsnotfallhilfe

Interview mit Klientin und Sozialarbeiter / steigender Bedarf erwartet

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Sebastian Caspar im Beratungsgespräch Foto © Diakonie Leipziger Land

Grimma. Dass Nicole Lehmann im letzten Sommer an einem absoluten Tiefpunkt angekommen war, merkt man ihr heute nicht mehr an. Mit leuchtenden Augen erzählt die freundliche Frau, die in Wirklichkeit anders heißt, von ihrer neuen Wohnung, ihrer neuen Arbeit – ja, ihrem neuen Leben. Zu verdanken hat sie dies auch Sozialarbeiter Sebastian Caspar, der vor einem Jahr mit der Diakonie Leipziger Land als Träger die Wohnungsnotfallhilfe gestartet hat. Im Interview zieht er gemeinsam mit ihr eine erste Bilanz.

Frau Lehmann, wie kam es dazu, dass Sie befürchten mussten, ohne Bleibe dazustehen?
Nicole Lehmann:
Ich wollte in Leipzig ganz neu anfangen und hatte bereits meine Wohnung in Grimma gekündigt. Aber es war unmöglich, etwas Neues, Bezahlbares zu finden.

Sebastian Caspar:Sie wollte einen Neustart in einer anderen Stadt, doch eigentlich war es eher ein Weglaufen vor Problemen. Bei drohender Wohnungslosigkeit steckt meist eine Vorgeschichte dahinter. Frau Lehmann kämpfte mit Problemen wie Missbrauch, Arbeitslosigkeit, Gewalterfahrungen und Depressionen.

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Wie kam dann der Kontakt mit Herrn Caspar zustande?
Nicole Lehmann:Meine Familienhelferin riet mir, mich an ihn zu wenden. Ich habe lange mit mir gerungen, war aber schließlich so verzweifelt, dass ich einen Termin vereinbart habe. Erst war ich skeptisch, habe dann aber bald gemerkt, dass mir hier geholfen wird, und konnte mich öffnen.“

Sebastian Caspar:Es braucht Zeit sich einzugestehen, dass man nicht allein aus dem tiefen Loch herauskommt. Wichtig ist es, das Problem zu erkennen, Lust auf Veränderung zu haben und Hilfe anzunehmen. Menschen, die sich bewusst für Obdachlosigkeit als Lebensentwurf entscheiden und gar nicht aussteigen wollen, sind bei uns an der falschen Adresse. Auch Suchtkranke – Crystal Meth sehe ich als Seuche Nummer 1 im Freistaat – müssen wir woanders hinschicken. Deren Priorität liegt in der Bearbeitung ihrer Sucht.

Wie ging es dann ganz konkret weiter?
Nicole Lehmann:  „Wir haben viel geredet, ich war anfangs fast jede Woche hier. Das hat mir sehr geholfen, denn ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Über Herrn Caspar habe ich eine neue Wohnung gefunden, dann mit meinem Bruder und dem Jugendberufshilfeprojekt WaldWerkStatt+ in nur zwei Stunden den Umzug geschafft. Es war eine riesige Erleichterung.

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Sebastian Caspar:Am Beginn steht erst einmal ganz viel Beziehungsarbeit. Wir haben außerdem versucht, die Kündigung der alten Wohnung rückgängig zu machen, was nicht erfolgreich war. Die Zeit war für Frau Lehmann sehr belastend, sie quälte sich mit Suizid-Gedanken. Wir konnten ihr dann recht schnell ein Dach über dem Kopf vermitteln, da wir als Diakonie einzelne Wohnungen für Hilfesuchende anmieten. Viele finden meist nur über diesen Weg eine neue Bleibe, denn mit Schulden und einem negativen Schufa-Eintrag hätten sie bei Vermietern kaum eine Chance.“

War somit alles erledigt und „der Fall“ abgeschlossen?
Nicole Lehmann:Herr Caspar hat mich zur Schuldnerberatung und zu einer Psychologin vermittelt. Noch heute komme ich regelmäßig her und rede mit ihm.

Sebastian Caspar:Wir arbeiten nachhaltig und nehmen den ganzen Menschen in den Blick. Dabei packen wir die Probleme an, durch die jemand in Not geraten ist. Die anstehenden Schritte müssen allerdings immer die Betroffenen selbst tun.

Frau Lehmann, wie geht es Ihnen inzwischen?
Nicole Lehmann: : „Ich fühle mich in meiner neuen Wohnung sehr wohl. Bei einem Sicherheitsdienst habe ich Arbeit gefunden und schließe demnächst eine Schulung ab. Mein Leben hat sich komplett geändert, Suizid ist kein Thema mehr. Ich bin der Wohnungsnotfallhilfe und Herrn Caspar sehr, sehr dankbar. Sie haben mich aufgefangen!“

Sebastian Caspar: Wenn ich Frau Lehmann heute hier sehe, geht mir das Herz auf. Ihren Job hat sie sich selbst gesucht und ist psychisch wieder fitter. Das ist tatsächlich wie ein neues Leben und ein gutes Beispiel für gelingende soziale Arbeit.

„Die Wohnungsnot wird sich verschärfen“
Im ersten Jahr seit dem Start der Wohnungsnotfallhilfe hatte Sebastian Caspar Kontakt zu rund 45 Männern und Frauen. Im Einsatz ist er vorwiegend im Raum Grimma und Borna. „Es sind Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die oft durch Lebenskrisen von Wohnungsnot oder nicht bezahlbarem Wohnraum betroffen sind“, erläutert er. Er schildert zum Beispiel einen Mann „in Lohn und Brot“ mit zwei Kindern, dessen Partnerin ihm ihre Kaufsucht und die daraus resultierenden Mahnungen gut verheimlicht hatte. „Von einer Räumungsklage überrascht saß nun dieser gestandene Mann weinend vor mir“, erinnert sich der Sozialarbeiter.

Für jeden Hilfesuchenden muss er einzeln eine Förderung beim Sozialamt beantragen, damit seine Arbeit finanziert werden kann. Nicht hilfreich seien dabei die derzeit kurzen Bewilligungszeiträume von nur drei Monaten. Danach beginne der „Papierkram“ von vorn. „Unser Ziel ist, die Menschen so zu stabilisieren, dass sie auf Dauer eine eigene Wohnung halten können“, so Sebastian Caspar. Das sei langfristige Arbeit und eben nicht in nur drei Monaten zu stemmen.

In die Zukunft blickt er mit Sorge: „Die Wohnungsnot wird sich verschärfen, auch in Folge des Zustroms der Menschen aus der Ukraine“. Für dringend geboten hält Sebastian Caspar außerdem die Einrichtung eines Übernachtungshauses nicht nur in Borna, sondern auch in Grimma und Wurzen. Nur damit könne man im Notfall wirklich helfen.

Kontakt: Diakonie Leipziger Land, Wohnungsnotfallhilfe, Haus 17, Karl-Marx-Straße 17, 04668 Grimma, Tel. 03437 9379550, 0176 45797548, wnh@diakonie-leipziger-land.de

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