Ist der Dornröschenschlaf in Mutzschen endlich beendet? – Motosoulprojekt lässt Hoffnung auf Neubeginn wachsen

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Foto: Detlef Rohde

Mutzschen. Wer im Muldental etwas Neues aufbauen möchte, braucht neben einer guten Idee auch einen langen Atem. Diese Ausdauer ist es, die Deborah Mutter-Hey, jeden Tag ihrem Traum eines Motorradhotels in Mutzschen näher kommen lässt.

Dabei war Mutzschen noch nicht einmal erste Wahl, als Deborah die Idee hattte, ein solches Projekt auf die Beine zu stellen. Die Idee kam der heute 52-jährigen im süddeutschen Bamberg. Von Mutzschen hatte sie bis dahin noch nichts gehört, geschweige denn geahnt, dass es einen Ort dieses Namens gab. Die US-Amerikanerin ist eine begeisterte Bikerin und hatte sich sofort in die deutsche Landschaft verliebt. Bei einem Bikertreffen in Bamberg kam ihr 2011 dann die Idee zu einem Hotel für Motorradwanderer.

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Die Mutter zweier Kinder stellte fest, dass es große Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Bikern gibt. Während in den USA nur ein paar Millionen Biker unterwegs sind, die auch nur für einen Tages- oder Stundentrip aus dem Haus gehen und Abends wieder in die eigenen vier Wände zurückkehren, sind es in der EU immerhin 26 Millionen Motorradfahrer, die ihr Hobby größtenteils leben.Durch vorherige Reisen und Kontakte auf Facebook hatte sie eigene Erfahrungen und die Berichte anderer Motorradenthusiasten bündeln können und sah darin die Möglichkeit, den Besuchern aus Übersee die Schönheiten Europas nahezubringen.

In Bamberg selbst machte man ihr wenig Hoffnungen, eine solche Idee realisieren zu können. Dann bekam Deborah einen Hinweis auf die neuen Bundesländer. Was lag da näher, als auf das Motorrad zu steigen und sich die Region mal anzusehen. „Als erstes stellt ich fest, wie viel Platz dort ist, diese weiten Landschaften, die Natur, alles passte irgendwie. Ich verschmolz regelrecht mit der Umgebung. Dann entdeckte ich die vielen Schlösser, die in einem Dornrößchenschlaf lagen und denen man den Verfall der Jahre ansah. Da kam ich meinem Traum schon ein gutes Stück näher und wusste, dass ein Schloss die optimale Kulisse sein würde.

Im Internet fand ich dann auf Anhieb die Adresse vom Schloss in Mutzschen. Ich fuhr dort hin und fand ersteinmal kein Schloss. Schilder gab es nicht. Als ich jemanden fragte, wusste der auch nichts von einem Schloss, der nächste sagte mir dann, dass es nur ein paar Meter weit weg sei, ich müsse nur in die Gasse fahren. Als ich davor stand, war alles abgeschlossen. Ich fuhr dann mit dem Bike um das Schloss, bis ich auf der Rückseite ankam. Ich fragte einen Mann, der dort Rasen mähte, ob man den Hang zum Schloss hochklettern dürfe, er nickte nur. Also kämpfte ich mich durch dichte Brombeerhecken und kam etwas zerkratzt von hinten auf das Schlossgelände. Als ich in dem „verwunschenen“ Schlossgarten stand, war mir klar, dass habe ich lange gesucht und nun endlich gefunden.“ Deborahs Augen glänzen bei dem Rückblick.

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Zwar hatte sie ihr Schloss gefunden, aber wie kann man ein solches Projekt realisieren. Schließlich geht es nicht nur um ein Projekt, dass Arbeitsplätze schafft und seinen Initiator ernähren soll, es geht auch darum, die Geschichte eines solchen Gebäudes und damit einer ganzen Stadt zu bewahren und zu erhalten.

In mehreren Präsentationen stellte sie Stadträten, Anwohnern und Geschäftsleuten ihre Idee vor, erläuterte Konzepte und konnte schließlich mit Hilfe von Dorothea von Below das Schloss kaufen. Zwar gab es WBedenken bei einigen Stadträten, denen das Konzept nicht ganz verständlich war, bei der Bevölkerung und vor allem den neuen Nachbarn kam das Projekt gut an. Ein Teil der Mutzschener sind selbst begeisterte Motoradfahrer und führten Deborah direkt zu einem Motocross-Parcour außerhalb der Stadt.

Immer wieder äußern gerade die Nachbarn unterhalb der Schlossmauer die Hoffnung, dass mit dem Beginn des Ressorts auch ihre Stadt wieder aufgewertet wird, die Straßenverhältnisse sich bessern und dem Kleinod des Muldentals wieder zu neuem Glanz verholfen wird. Ihnen ist klar, dass es Stadt und Schloss nur gemeinsam schaffen können, die Region wieder mit Leben zu füllen und neue Geschäfte entstehen zu lassen.Das Geschäftsprinzip von Deborah ist relativ einfach wie genial. In dem Schloss entsteht ein Hotel mit 26 Zimmern, die teilweise mit eigener Küche ausgestattet sind, es wird einen kleinen Campingplatz geben. Eine Gastronomie mit einem Schlosscafe soll entstehen. Eine Konkurrenz zu den noch wenigen bestehenden gastronomischen Einrichtungen sieht die Amerikanerin nicht, im Gegenteil, sie erwatet hier eher eine beiderseitige Belebung der Geschäfte.

„Die Kunden, die zu uns kommen, wollen reisen, möchten etwas Neues erleben. Wenn sie heute hier gegessen haben, probieren sie am nächsten Tag etwas anderes in einem anderen Restaurant oder Cafe. Es sind Wanderer. Wir bieten mit unserem Ressort ein Rundumpaket.

13285695 1104858836239913 32398222 nTrevor Angel, ist als Weltreisender unser Scout für neue Touren. Er erkundet für uns die Regionen in Ostdeutschland bis hin nach Osteuropa. Die Natur und die Menschen sind einfach wunderbar und gastfreundlich. Trevor ist in meinen Augen genau der richtige Mann dafür. Er hat in Australien alles verkauft und sieht sich jetzt die Welt an. Tad Haas, ein weiterer Partner ist Fahrsicherheitstrainer in den USA und zieht jetzt nach Deutschland. Wenn er seine Lizenz als Fahrsicherheitstrainer für Deutschland hat, können unsere Gäste sich von ihm schulen lassen. Ansonsten wird er als Reiseführer seinen Mann stehen.

Dann planen wir aber auch kulturelle Veranstaltungen im Schloss. Von Konzerten, bis hin zu Ausstellungen ist alles möglich. Führungen durch das Schloss natürlich inbegriffen, die Leute sollen ja etwas über die Region erfahren. Eine Region deren Geschichtsträchtigkeit und Schönheit nicht verloren gehen darf,“ Die Augen der Unternehmerin leuchten bei ihrer Beschreibung.

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Für den geplanten Start 2017 sind zwar noch einige Hürden zu beräumen, aber sie ist zuversichtlich, es schaffen zu können. Unterstützer hat sie viele.
Ute Hartwig-Schulz, Leiterin des Künstlerguts Prösitz, sieht ganz klar die Vorteile auf der Hand. Die Bildhauerin beobachtet seit Jahren mit großer Sorge das Aussterben der Städte und Gemeinden im Muldental. Sie selbst liebt die ehemalige Stadt Mutzschen und hofft, dass der Wegzug der Bevölkerung durch das Projekt und die daraus neu entstehende Infrastruktur aufgehalten werden kann.

„Mutzschen ist eine Stadt, die in ihrer Substanz mittelalterlich anmutet. Aber man darf auch nicht übersehen, dass jedes fünfte Haus mittlerweile leersteht und verfällt. Wir verkaufen unser Kaolin nach Meißen und lassen Porzellan und Keramik dort produzieren, während die hier ehemals ansässige Kermaikindustrie größtenteils ausgestorben ist. Dabei gibt es nahmhafte Künstler im Muldental, die entlang der Via Regia, tätig sind. Nur Wenigen ist bekannt, dass die Via Regia seit 2009 durch eine Resolution der Europäischen Union den Titel „Europäische-Kullturstraße“ führen darf.

Wir vertun unsere Chance, die Region nachhaltig zu stärken und neu zu beleben, wenn wir nicht endlich aktiv werden und uns auf unsere Möglichkeiten besinnen. Wenn wir anderen das Feld überlassen und sie ihre Geschäfte mit unseren Rohmaterialien erfolgreich betreiben dürfen, versetzen wir selbst unserer Region den Todesstoß.

Deborah ist Amerikanerin, kommt hierher und erkennt das Potential, dass seit Jahrzehnten brach liegt. Sie will etwas machen, kämpft gegen Neinsager und hat bereits jetzt mehr für die Region und Mutzschen getan, als irgend ein anderer, der hier aufgewachsen ist. Sie ist ein Segen und es ist jetzt an uns, sie zu unterstützen, dass unsere Heimat aus dem Dornrößchenschlaf wachgeküsst wird!“Im Juni und dem restlichen Sommer finden auf dem Schlossgelände in Mutzschen die ersten Open-Air-Veranstaltungen statt. Deborah Mutter-Hey hofft, dass bereits 2017 die ersten Gäste auf dem Camplingplatz anlanden können.

Der Aufbau des Hotels wird noch einige Zeit benötigen, aber nicht nur die Menschen vor Ort sondern das deutschlandweite Interesse an dem Projekt zeigen, dass das Konzept von Deborah Hey hier in Mutzschen genau ins Schwarze trifft. Nun gilt es, die Hürden der deutschen und europäischen Bürokratie zu überwinden, damit ein Bikertraum wahr werden kann.

Text und Bilder: Detlef Rohde

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