Mehr Personal gegen alte Schwächen: Zweifel am Kurs der Leitstelle Leipzig

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Symbolbild/pixabay

Leipzig. Die Integrierte Regionalleitstelle Leipzig (IRLS) steht vor einem umfassenden Ausbau – und zugleich im Zentrum politischer Kontroversen.

Während der Kreistag des Landkreises Leipzig eine deutliche Personalaufstockung beschlossen hat, lehnt die Unabhängige Wählervereinigung (UWV) die zugrunde liegenden Strukturen ab und warnt vor Nachteilen für den ländlichen Raum und das Ehrenamt.

Deutlicher Personalzuwachs beschlossen

Am 18. März 2026 votierten die Kreisräte für 42 zusätzliche Vollzeitstellen in der Leitstelle. Damit soll die Personalstärke von derzeit 92 auf künftig 134,3 Stellen anwachsen. Grundlage der Entscheidung ist eine Organisationsuntersuchung aus dem Jahr 2024, die einen steigenden Bedarf festgestellt hatte.

Hintergrund sind vor allem wachsende Einsatzzahlen – insbesondere über die Notrufnummer 112 –, zunehmend komplexe IT-Systeme sowie gestiegene Erwartungen der Bevölkerung. Ziel sei es, die Arbeitsqualität langfristig zu sichern und die Belastung der Mitarbeitenden zu reduzieren.

Neben dem personellen Ausbau sind auch strukturelle Änderungen vorgesehen: Künftig soll es neben den bisherigen Bereichen „Dispositionsbetrieb“ und „Technik“ ein drittes Sachgebiet „Planung und Vorbereitung“ geben. Dieses soll strategische und organisatorische Aufgaben bündeln und die Leitstelle effizienter aufstellen.

Millionenkosten werden aufgeteilt

Mit der Aufstockung steigen auch die Kosten. Rund 2,8 Millionen Euro jährlich werden zusätzlich veranschlagt. Diese teilen sich in zwei Bereiche: Etwa 1,5 Millionen Euro übernimmt der Rettungsdienst – finanziert größtenteils durch die Krankenkassen –, während rund 1,3 Millionen Euro auf den Brandschutz entfallen und vom Landkreis Leipzig getragen werden.

Die IRLS Leipzig ist eine gemeinsame Einrichtung der Stadt Leipzig sowie der Landkreise Leipzig und Nordsachsen. Seit ihrem Start im Jahr 2016 koordiniert sie Notrufe, Krankentransporte und Einsätze von Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz.

UWV kritisiert Struktur und Einflussverteilung

Trotz der beschlossenen Maßnahmen regt sich Widerstand: Die UWV-Fraktion im Kreistag lehnt sowohl die Personalentscheidung als auch Änderungen an der Zweckvereinbarung ab. Ihre Kritik richtet sich weniger gegen die Notwendigkeit einer leistungsfähigen Leitstelle, sondern gegen die aus ihrer Sicht unzureichenden Einflussmöglichkeiten der Landkreise.

Die Fraktionsvorsitzende Ute Kniesche stellt klar, dass für die UWV die Verlässlichkeit von Brandschutz und Rettungsdienst im Mittelpunkt stehe. Besonders kritisch sieht die Fraktion die Situation der freiwilligen Feuerwehren im ländlichen Raum. Diese dürften nicht zunehmend Aufgaben kompensieren müssen, die aus strukturellen Schwächen resultierten.

Auch Kreisrat Robert Zillmann mahnt, dass das Ehrenamt stärker berücksichtigt werden müsse. Feuerwehrleute würden oft kurzfristig aus ihrem privaten oder beruflichen Umfeld gerissen – ein Umstand, der nicht durch organisatorische Defizite verschärft werden dürfe.

Forderung nach Neuordnung

Die UWV bemängelt zudem ein Ungleichgewicht zwischen finanzieller Beteiligung und tatsächlicher Mitbestimmung. Die Landkreise trügen steigende Kosten, hätten aber zu wenig Steuerungsmöglichkeiten. Für eine so zentrale Aufgabe wie die Gefahrenabwehr sei das nicht akzeptabel.

Die Fraktion versteht ihre Ablehnung daher als Signal für Reformbedarf: Ziel müsse eine Leitstellenstruktur sein, die von allen Beteiligten getragen wird, klare Verantwortlichkeiten schafft und sowohl die Bevölkerung als auch die Einsatzkräfte zuverlässig schützt.

Mehr Einsätze, ungelöste Strukturprobleme

Der Ausbau der IRLS Leipzig verdeutlicht exemplarisch die Herausforderungen moderner Gefahrenabwehr: steigende Anforderungen, hoher Investitionsbedarf und komplexe Zuständigkeiten prägen das System. Während die Verwaltung auf Professionalisierung und den Ausbau von Kapazitäten setzt, fordert ein Teil der Politik mehr Mitsprache sowie stärkere Berücksichtigung ehrenamtlicher Strukturen.

Seit Jahren bemängeln Feuerwehrleute grundlegende Schwächen im System der Rettungsleitstelle. Kritisiert wird vor allem, dass häufig lediglich Symptome bekämpft werden, wodurch neue Probleme entstehen. Ein aktuelles Beispiel ist die Anpassung der Stichwortbearbeitung: Der Buchstabe „Y“ in den Einsatzstichworten soll auf eine verifizierte Personengefahr hinweisen, bestätigt sich vor Ort jedoch oft nicht oder entpuppt sich als Bagatelle.

Ein Feuerwehrmann, der anonym bleiben möchte, beschreibt die Folgen deutlich: „Die Kameraden stumpfen ab, die Probleme sind hausgemacht, und immer weniger machen sich bei Bagatelleinsätzen überhaupt noch auf den Weg ins Gerätehaus.“ Tatsächlich ist in vielen Kommunen ein drastischer Anstieg der Einsatzzahlen zu verzeichnen. In Grimma hat sich die Zahl der Einsätze seit der Anbindung an die Leitstelle Leipzig nahezu verdoppelt, ähnliche Entwicklungen zeigen sich auch in Borna aber auch in anderen Kommunen. Im Jahr 2016 wurden im gesamten Landkreis noch 1.731 Feuerwehreinsätze über die damalige Rettungsleitstelle Grimma erfasst. Bis 2024 stieg diese Zahl auf insgesamt 2.769 Einsätze und erhöhte sich 2025 weiter auf 2.822 Einsätze, die überwiegend von den ehrenamtlichen Feuerwehren im Landkreis bewältigt wurden. Die Ursachen hierfür allein auf gesellschaftliche Veränderungen oder eine zunehmende Hilflosigkeit der Bevölkerung zurückzuführen, greift aus Sicht vieler Einsatzkräfte zu kurz. Vielmehr wird deutlich: Es braucht grundlegende strukturelle Veränderungen im System – nicht nur die fortlaufende Behandlung einzelner Symptome.